MIT FILMEN DURCH DIE KRISE – FILMTIPP DER WOCHE

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!



FILMTIPP VOM 2.4.

DIE MASKE

PL 2018, Regie: Malgorzata Szumowska, 91 Min.

Wo: Grandfilm on Demand
Wann: unbegrenzt
Kostet: 9,99 € (50 % der Einnahmen werden an von der Coronakrise betroffene Independent-Kinos gespendet)


Berlinale 2018, 9 Uhr morgens. Ich sitze in der Pressevorführung von Malgorzata Szumowskas „Die Maske“. Meinen extragroßen Kaffee, den ich mir vorher noch teuer gekauft hatte, musste ich am Eingang zurücklassen. Keine Getränke im Saal. Ich kalkuliere fest ein, in weniger als 20 Minuten einzuschlafen, denn das Berlinale-typische Schlafdefizit macht sich langsam bemerkbar. Der Film führt in das beklemmende Setting eines erzkatholischen Dorfes an der polnisch-deutschen Grenze, in dem gerade auch noch die größte Jesusstatue der Welt gebaut wird. So weit so deprimierend. Aber dann passiert etwas unerwartetes: mit der ungedrosselten Kraft einer Multiplex-Kino-Soundanlage schütteln plötzlich die vertrauten Klänge eines Songs meinen müden Körper, den ich seither zu jeder (wirklich jeder) auch nur halbwegs angemessenen Gelegenheit auflege: Gigi d'Agostinos gehassliebte EDM-Hymne „L'Amour Toujours“. Kein Scherz. Dazu galoppieren der Protagonist und die Liebe seines Lebens auf einem weißen Pferd ohne Sattel durch die Provinz. Und ich möchte plötzlich nicht mehr ins Bett, sondern tanzen gehen. Und mich doll verlieben. Dass für die junge Liebe auf dem Pferd wenig später leider so ziemlich alles den Bach runtergeht, ist in meiner Erinnerung egal. Allein wegen dieser unfassbar albernen und gleichzeitig unfassbar berührenden Szene empfehle ich diesen Film wärmstens. Als Gegenmittel gegen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Because: I still believe in your eyes – There is no choice, I belong to your life – Because I will live to love you someday – You'll be my baby and we'll fly away. (Janna Schmidt / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 2.4.

SUPA MODO

D/K 2018, Regie: Likarion Wainaina, 74 Min., empf. ab 9 Jahren

Wo:Filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

* Die Bibcard ist aktuell kostenlos nach Online-Anmeldung: https://www.stabi-hb.de/news/kostenlose-bibcard-fuer-unsere-digitalen-angebote


Zuhause Filme gucken ist für mich immer ein bisschen schwierig. Mein Laptop kann mit keiner Leinwand mithalten, irgendetwas reflektiert immer komisch auf dem Bildschirm, der Dialog ist zu leise, die Hintergrundgeräusche zu laut. Und das gerade jetzt, wo ich nichts lieber täte, als ins Kino zu gehen und die Realität für einen Moment zu vergessen. „Supa Modo“ kommt da genau richtig. Die kleine Jo, die Heldin des Films, und ich haben ein paar Dinge gemeinsam. Wir gucken gerne Actionfilme und diskutieren die Stärken und Schwächen verschiedener Superhelden mit unseren Freunden. Unsere Mütter sagen uns, dass wir nicht rausgehen sollen. Und wir vertreiben uns unsere Langeweile damit, uns abenteuerliche Geschichten auszudenken. Aber Jo hat noch mit einer anderen Sache zu kämpfen: Sie ist schwer krank. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, muss sie sich erstmal wieder damit zurechtfinden, zuhause zu sein. Zum Glück hat Jo eine große Schwester, die ihr dabei hilft, ihre eigenen Superfähigkeiten zu trainieren. Das läuft so gut, dass bald das ganze Dorf mitmacht, um Jos großen Traum zu verwirklichen. Jo wird eine waschechte Superheldin! Ihre stärkste Fähigkeit ist, mich trotz aller Ablenkungen in ihre Welt zu ziehen und daran zu erinnern, dass man nicht viel braucht, um die Realität ein bisschen fantastischer zu gestalten. Deswegen habe ich mir alle Decken und Kissen geschnappt und gucke den nächsten Film in meiner eigenen Superheldenhöhle. (Marjorie Bohlmann / CITY 46)



FILMTIPP VOM 26.3.

WILD

D 2016, Regie: Nicolette Krebitz, mit Lilith Stangenberg, 90 Min.

Wo: arte Mediathek
Wann: noch bis zum 10. April
Kostet: nichts


Girl meets Wolf. Der Plot von Nicolette Krebitz' vielfach prämierten Film „Wild“ klang für mich erstmal ziemlich bescheuert: eine junge, etwas zurückgezogen und vor allem prekär lebende Frau entdeckt in ihrer ultratristen Nachbarschaft (Plattenbausiedlung am Rande von Halle) einen Wolf. Und sie beschließt ihn einzufangen. Ich war mir absolut sicher, dass sich eine solche Geschichte in fragwürdigen Metaphern und Analogien heillos verstricken MÜSSTE. Sagen wir mal so: ich wurde eines besseren belehrt. Als ich nämlich im Kino sitze, etwa zur Hälfte des Films (und schon längst gebannt an der Leinwand klebe), erlebe ich einen Kinomoment, der mich noch lange beschäftigen wird. Er hat zu tun mit einem Song von James Blake, mit Verzweiflung, Wut und Liebe. Und nicht zuletzt auch mit Erotik und Lust. Während sich ein Ganzkörpergänsehautschauer in mir ausbreitet, frage ich mich, ob es vielleicht ein kleines bisschen unangebracht ist, was ich fühle. Aber dann ist es auch schon wieder egal, denn ich bin einfach nur ehrlich dankbar. Für einen Film, der wider erwarten so realistisch ist, dass Schweiß, Dreck, Menstruationsblut und sogar Kacke darin vorkommen dürfen. Der wider meine Erwartungen kein „modernes Märchen“ ist, sondern die konkrete Geschichte einer alles verändernden Begegnung. Danke Nicolette Krebitz und Crew, danke Wolf. Und danke Arte – dafür, dass ich einen meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre jetzt ein drittes Mal gucken kann. Wenn auch leider nicht im Kino.  (Janna Schmidt / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 26.3.

SUNE VS. SUNE

S 2018, Regie: Jon Holmberg, 86 Min., empf. ab 8 Jahren

Wo: KiKa Lollywood
Wann: noch bis zum 8. April
Kostet: nichts


Dass aus Schweden tolle Kinderfilme kommen, ist kein Geheimnis. Und doch schaffen es nur die wenigsten ins deutsche Kino. Daher war es schon ein Geheimtipp, als wir die Familienkomödie „Sune vs. Sune“ im letzten Herbst beim Bremer Kinder- und Jugendfilmfest KIJUKO präsentierten: Im schwedischen Original mit englischen Untertiteln, live deutsch eingesprochen von meiner Wenigkeit. Was war ich aufgeregt, ob alles klappen würde! Und würde der Zauber trotz Einsprache von der Leinwand überspringen und das Publikum ebenso viel Spaß haben wie zuvor ich mit diesem Film auf der Berlinale? Es funktionierte – am Ende waren alle begeistert und ich vom Sprechmarathon zwar fix und fertig aber glücklich!

Umso großartiger, dass „Sune vs. Sune“ nun zumindest fürs deutsche Fernsehen synchronisiert wurde und alle noch einmal die Chance haben, Sune und seine liebenswert chaotische Familie kennenzulernen. Dabei erzählt der Film voller Humor von der Angst, nicht gut genug zu sein. Denn der zehnjährige Sune sieht sich mit einem neuen Klassenkameraden konfrontiert, der so viel cooler als er zu sein scheint und noch dazu denselben Namen trägt. Um zu bestehen, versucht Sune sich neu zu erfinden und bringt damit sein komplettes Umfeld durcheinander. Eine warmherzige Komödie für die ganze Familie – in diesen Tagen goldwert! (Matthias Wallraven / CITY 46)