Corona-Kino – Kurzfilm der Woche

Music for One Apartment and Six Drummers
S 2001, Regie: Johannes Stjärne Nilsson, Ola Simonsson, 10 Min.

Mit Filmen durch die Krise – Filmtipp der Woche

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!

Filmtipp vom 25.2.

Kriegerin

D 2012, Regie: David Wnendt, 99 Min.

Gerade erst wurde mit der Hashtag-Aktion #SayTheirNames der Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau gedacht (19. Februar), kurz darauf wurden in Frankfurt, Köln und Göttingen Gedenkorte für die Opfer zerstört, beschmiert und verwüstet. Dies verdeutlicht die Wichtigkeit und erschreckende Aktualität von Filmen wie „Kriegerin“, David Wnendts Regiedebüt, das vor der Aufdeckung der rechtsextremen Terrorzelle NSU entstand. „Kriegerin“ erzählt auf mitreißende Weise von der jungen "Nationalen Aktivistin" Marisa, die in Ostdeutschland ihre rechtsextreme Gesinnung ungehindert auslebt.

Der Film erzählt von einer verrohten Jugend-Szene, einem Sammelbecken Gescheiterter. Das Feindbild: alles Fremde. Das Umfeld wird terrorisiert und hat sich arrangiert, anstatt sich zu wehren. Er erzählt aber auch vom Ende pubertärer Verbissenheit und davon, wie Marisa schließlich das lebensgefährliche Risiko eingeht, schwesterliche Verantwortung für den jungen Afghanen Rasul zu übernehmen. Regisseur Wnendt hat für seinen Film intensiv in ostdeutschen Landstrichen recherchiert, um seinem toll aufspielenden Ensemble realistische und konkrete Vorbilder zu ermöglichen – von aggressiver Hemmungslosigkeit bis zu den leisen Momenten, die den Zuschauer Mitgefühl empfinden lassen.

Vielleicht mag „Kriegerin“ an einigen Stellen übertrieben erscheinen und Klischees von Orientierungslosigkeit und unbegründetem Hass bedienen. Anderen wiederum mag er zu wenig in die Tiefe gehen. Sicher ist: er ist sozialkritisch, gesellschaftlich relevant, bedrückend, schonungslos, authentisch und regt zum Nachdenken an. Aufgrund seiner ungeheuren Wucht und Körperlichkeit, seines genauen Blicks auf Milieus, auf Gruppendynamiken oder die Lebensverhältnisse junger Neonazis wird Wnendts mehrfach ausgezeichneter Film auch mit Shane Meadows Skinhead-Drama „This Is England“ verglichen. „Kriegerin“ ist Teil der ZDF Themenreihe „Film ab gegen Rechtsextremismus", zu der unter anderem auch „Wir sind jung. Wir sind stark.“, „Die Arier“ und „Leroy“ gehören. Gegen das Vergessen kämpfen und Demokratie leben! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 25.2.

Timetrip – Der Fluch der Wikinger-Hexe

DK 2009, Regie: Mogens Hagedorn, mit Jonas Wandschneider, Clara Maria Bahamondes, Jacob Cedergren, 91 Min., empf. ab 9 J.

Hexen, Wikinger und Könige – habt ihr euch nicht auch schon immer mal gewünscht, die Figuren aus alten Sagen und Geschichtsbüchern mit eigenen Augen sehen zu können? Für die Geschwister Valdemar und Sille wird dieser Traum wahr, als sie auf einen verschrobenen Wissenschaftler mit einer geheimnisvollen Zeitmaschine treffen.

Die Eltern sind für ein paar Tage aus dem Haus. Für Sille heißt das Gruselfilme schauen, Süßigkeiten futtern und viel Zeit mit ihrem großen Bruder Valdemar. Leider hat der andere Pläne. Jetzt wo Papa nicht da ist, ist das die Gelegenheit endlich mal sein neues Auto zu fahren. Ohne Führerschein und trotz des ausdrücklichen Verbots will Valdemar seine Freunde beeindrucken und baut prompt einen Unfall. Die Reparatur scheint unbezahlbar, bis Valdemar bei einem Schulausflug den Physiker Benedict kennenlernt. Der zunächst abweisende Wissenschaftler sieht in dem Jungen eine mögliche Testperson für seine neue Zeitmaschine. Er bietet Valdemar eine erhebliche Summe Geld, damit er für ihn in die Vergangenheit reist und ein Artefakt beschafft, das Benedict dringend benötigt. Plötzlich findet sich Valdemar im Jahre 963 wieder – zur Zeit der Wikinger in Dänemark! Dort erfährt er, dass Benedict unsterblich geworden ist, nachdem er von einer Hexe verflucht wurde. Auf ewig verdammt alle Menschen um sich herum zu überleben, strebt Benedict seit hunderten von Jahren danach den Fluch aufzuheben und ein normales Leben zu führen. Während Valdemar nur zögerlich einwilligt dabei zu helfen, ist seine kleine Schwester Sille ihm heimlich gefolgt und stürzt sich begeistert mit ihrem Bruder in die Zeitreisemaschine, um den finsteren Hexenfluch der Vergangenheit zu brechen.

Ein bisschen Science-Fiction hier, ein bisschen Mittelalter-Fantasy dort und zwei sympathische Jungdarsteller in der Mitte dieses Abenteuers ergeben einen spannenden Genre-Mix für die ganze Familie! (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 25.2.

Japanese Film Festival Plus

Kostenloses Online-Festival des Japanischen Kulturinstitus mit insgesamt 30 Filmen in OmU/OmengU

Diese Woche erreicht uns ein toller Tipp vom Japanischen Kulturinstitut, mit dem wir in der Vergangenheit auch immer mal wieder japanische Filme ins CITY 46 geholt haben. Die Online-Ausgabe des Japanese Film Festival hält nun ein fantastisches Angebot bereit, um den Reichtum japanischen Filmschaffens kennenzulernen. Euch erwartet ein vielfältiges Programm, für das bei ausgewählten Filmen eigens deutsche Untertitel angefertigt wurden:

Das Japanese Film Festival wurde von der Japan Foundation in Tokyo ins Leben gerufen und bietet Filmfans in aller Welt die wunderbare Gelegenheit, japanische Filme anzuschauen. Die insgesamt 30 Filme des Festivals werden zeitlich versetzt in verschiedenen Teilen der Welt als Stream zur Verfügung gestellt. In Deutschland können sie im Zeitraum vom 26. Februar bis zum 7. März 2021 angeschaut werden. Auf der Website JFF Plus finden sich unter den Rubriken "Read", "Watch" und "Join" zahlreiche Informationen rund um das Festival. Im Bereich "Read" sind Künstlerinterviews, einzigartige Geschichten, spannende Neuigkeiten und vieles mehr bereitgestellt. Unter "Watch" werden während des Festivalzeitraums die Filme gestreamt, mit einem breiten Spektrum von Spielfilmen, Dokumentationen, Anime und Stop-Motion-Animationsfilmen. In der Kategorie "Join" kann man sich über das Feedback der bisherigen Veranstaltungsorte und die noch bevorstehenden Vorführungen informieren.

Neben einem Klassiker von Meisterregisseur Ozu Yasujirô aus dem Jahr 1952 ("The Flavor of Green Tea over Rice") sind alle Filme des Festivals in den Jahren zwischen 2007 und 2020 entstanden und spiegeln die große Bandbreite und hohe Qualität des japanischen Filmschaffens wider. In der bunten Mischung von vielfach preisgekrönten Filmen, die auch auf internationalen Festivals liefen, wird jeder Zuschauer auf seine Kosten kommen und etwas Passendes für sich entdecken können. Sei es bei schrägen Komödien (z.B. "Can't Stop the Dancing"), aufwühlenden Dramen (z.B. "One Night"), Dokumentationen mit seltenen Einblicken (z.B. "Tsukiji Wonderland"), phantasievollen Anime (z.B. die Kurzfilme der Production I.G) und nicht zuletzt den poetischen und handwerklich überragenden Stop-Motion-Animationsfilmen von Yashiro Takeshi.

Das Streamen der Filme ist kostenlos, für den Zugang ist lediglich eine Anmeldung auf der Webseite des Japanese Film Festival notwendig. Informationen auf Deutsch zur Anmeldung sowie die wichtigsten Fragen & Antworten finden Sie auf dieser Seite.

 

Filmtipp vom 18.2.

The Red House

D/I 2021, Regie: Francesco Catarinolo, 81 Min., OmU

Mit seinen rund 2000 Einwohnern ist Tasiilaq die größte Siedlung Ostgrönlands. Die nun hier sesshaften Indigenen Ivi lebten seit Generationen von der Jagd. Doch seit Robbenfelle und das Fleisch der Wildtiere nicht mehr gehandelt werden dürfen, haben die Ureinwohner*innen ihre Existenzgrundlage verloren. Als Ausgleich erhielten sie Sozialhilfe aus Dänemark und bekamen feste Häuser. Ihr Leben als Halbnomaden mussten sie aufgeben. Vor 35 Jahren kam der damalige Extremsportler Robert Peroni aus Südtirol im Zuge einer Expedition nach Grönland. Sie sollte sein gesamtes Leben verändern. Hier in Tasiilaq gründete er das Rote Haus. Von Anbeginn an war es mehr als nur ein Hostel. Es wurde zu einer Begegnungsstätte zwischen Europäer*innen und Grönländer*innen. Zugleich ist das Gästehaus ein Refugium für Einheimische in Not. Vor allem junge Menschen kommen ins Rote Haus, wenn sie nicht weiter wissen.

„Das Rote Haus verspricht zwar Hoffnung in Form des aufopferungsvoll für seine Leidenschaft einstehenden Robert Peroni, der die Grönländer als Freund*innen wahrnimmt und sich zu jedem Zeitpunkt darum bemüht, sich an das Leben in Grönland anzupassen. Doch um zu zeigen, wie notwendig seine Hilfe ist, scheut der Film nicht davor zurück, in Abgründe zu blicken.“ (Antje Wessels).

Wir nehmen teil an einigen Lebensgeschichten der Einwohner*innen von Tasiilaq. Respektvoll aber nah begleitet sie das Filmteam dabei, wie sie im alltäglichen Leben ihren Platz zwischen Tradition und Moderne finden. Beeindruckend vermittelt der Film, dass eine neue Zeit Anpassung fordert, bei der die Menschen keine Chance haben, davor zu entfliehen. Aber wie es auch gelingen kann, die eigene Identität nicht zu verleugnen oder sie gänzlich zu verlieren. Robert Peroni möchte durch einen nachhaltigen Tourismus dem Jägervolk der Ivi eine Zukunft bieten. Er ist davon überzeugt, dass nicht nur die Einheimischen davon profitieren, sondern auch seine Gäste. Sie nehmen aus der Begegnung mit der fremden Kultur des Nordens wertvolle Erfahrung mit nach Hause. „Wir können von den Ivi mehr lernen als sie von uns“ – daran glaubt Robert Peroni noch immer fest. (Holger Tepe / CITY 46)

Filmtipp für Kids vom 18.2.

Der Fall Mäuserich

NL 2016, Regie: Simone van Dusseldorp, 74 Min., empf. ab 6 J.

Könnt ihr euch noch an euren allerersten Schultag erinnern und daran, wie es war, ins Klassenzimmer zu kommen und lauter neue Gesichter zu sehen? Oder seid ihr vielleicht sogar schon einmal umgezogen und kanntet zu Anfang niemanden aus der Nachbarschaft? Dann könnt ihr euch bestimmt gut in Meral hineinversetzen, für die es in „Der Fall Mäuserich“ nach einem Umzug zunächst gar nicht so leicht ist, neue Freunde zu finden.

Doch dank ihres sonnigen Gemüts lässt sich die Achtjährige nicht unterkriegen. Wenn es weder mit Desy und ihrer Clique klappt, noch mit dem merkwürdigen Vito, der ihr nur die Freundschaft anbietet, wenn sie dafür gleich einen ganzen Vertrag unterschreibt, dann muss das auch anders gehen! Ihren ersten Freund findet Meral in einer kleinen Maus, die sich in ihrem Zimmer eingenistet hat. Klar, dass sie Piepiep verbotenerweise auch gleich mit auf die anstehende Klassenfahrt nimmt. Als die Maus im Speisesaal entwischt, sind Merals Zimmergenossen zur Stelle und helfen ihr, die Maus wieder einzufangen. So findet Meral doch noch Freunde, mit denen sie im Wald herumstreunen kann. Doch dann gerät Piepiep dort in die Fänge einer Eule und „Der Fall Mäuserich“ beginnt.

Wundert euch nicht, dass Meral und ihre Freunde im Film manchmal anfangen zu singen oder zu tanzen. „Der Fall Mäuserich“ ist nämlich auch ein Tanzmusical, das sich nicht nur um das Thema Freundschaft dreht, sondern bei dem ihr auch viel über den Kreislauf des Lebens und die Nahrungskette lernen könnt. Vielleicht begeistert euch der Film so sehr wie die Zuschauer*innen auf dem Internationalem Kinderfilmfestival Wien, die den niederländischen Kinderfilm 2017 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet haben. Mit Sicherheit bleibt euch jedoch der ein oder andere Ohrwurm und die Lust, einfach mal singend und tanzend durch die Welt zu gehen. (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp vom 11.2.

Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt

D 2017, Regie: Gwendolin Weisser & Patrick Allgaier, 126 Min.

Diesen medialen Erfolg hatten die beiden Weltreisenden Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier nicht geplant, als sie Anfang 2013 ihre Heimatstadt Freiburg i.Br. verließen. Ihr Weg führt sie ostwärts von Europa nach Asien, von dort weiter nach Nord- und Mittelamerika. Dabei reisen sie per Anhalter, Bus, Zug, Schiff oder gehen zu Fuß. Ein Flugzeug benutzen sie ganz bewusst nie. Im Mai 2015 kommt Sohn Bruno in Mexiko zur Welt und im Sommer 2016 kehrt die Familie schließlich nach Hause zurück. Eigentlich ist es gar keine Reise gewesen, vielmehr ein Lebensabschnitt, bei dem sie unterwegs waren. Eine Zeit, in der sie von einem Paar zur Familie werden. Insgesamt dauert die Weltreise über drei Jahre, in denen sie 96.707 Kilometer zurücklegen.

Bereits parallel zur Reise publizierten die beiden ihre Erlebnisse in einem Blog. An der Finanzierung ihres Dokumentarfilms WEIT beteiligen sich über 1.000 Crowdfunder*innen. Im kleinen Rahmen fand im März 2017 in Freiburg die erste Kinoaufführung statt. Und die Geschichte hätte hier allmählich ihr Ende finden können. Niemand hat damit gerechnet, welchen Verlauf die Ereignisse nehmen. Immer mehr Menschen wollen den beiden sympathischen Reisenden auf ihren filmischen Spuren folgen. Auf den regionalen Geheimtipp wird ein Filmverleih aufmerksam, der das das Potenzial der Dokumentation frühzeitig erkennt. Mit Umsicht und Geschick bringt er den Film in die deutschen Kinos. Was niemand planen konnte: Es wird ein Selbstläufer. Kinobetreiber*innen, in deren Sälen Dokumentationen so gut wie nie zur Aufführung kommen, geschweige denn ein „Amateurfilm“, nehmen den Film aufgrund steigender Medienpräsenz und Publikumsnachfrage ins Programm. Die Besucher*innenzahlen steigen auf über 10.000, die 100.000er Marke wird übersprungen und bis heute haben den Film über eine halbe Millionen Menschen im Kino gesehen.

Ich erinnere mich gut an die Preisverleihung während der Filmkunstmesse 2018 in Leipzig, als WEIT. DIE GESCHICHTE VON EINEM WEG UM DIE WELT mit dem Gilde Preis der deutschen Filmkunst-Programmkinos in einer Kategorie ausgezeichnet wurde, die es bis dahin noch nicht gab: "Kinophänomen des Jahres"! In der Folge von WEIT kommen zahlreiche weitere Reisedokus in unsere Kinos: Menschen, die mit dem Motorrad die Welt umrunden oder mit dem Roller nach Indien aufbrechen, mit dem Fahrrad Asien erkunden oder zu Fuß in Deutschland unterwegs sind. Doch keiner der Filme konnte bisher an den Erfolg von WEIT anknüpfen. Für mich ist WEIT ein weiterer Beleg für die Kraft des Kino und seiner Geschichten. Vielmehr aber auch der Beweis, dass nicht das Kalkül von Kosten und Ertrag der Mainstreamfilmwirtschaft uns Kinobesucher*innen bewegt, sondern wie Mut und Erzählfreude zweier junger Menschen uns in ihren Bann ziehen können. (Holger Tepe / CITY 46)

PS: Wenn ihr noch ein weiteres Mal vom heimischen Sofa auf die Reise gehen möchtet, dann folgt der Rentnerin Margot Flügel-Anhalt in der Doku ÜBER GRENZEN - MIT VOLLGAS IN DEN RUHESTAND.

 

Filmtipp Spezial vom 11.2.

Ángela Molina: Ehren-Goya 2021

Online-Kinoreihe des Instituto Cervantes Bremen mit Filmen in span. OmengU

Anlässlich der Verleihung des Ehren-Goyas 2021 durch die spanische Filmakademie an Ángela Molina für ihre eindrucksvolle Karriere präsentiert unser enger Kooperationspartner das Instituto Cervantes Bremen im Februar seine neue Online-Filmreihe „Ángela Molina: Ehren Goya 2021“.

Ángela Molina ist eine der außergewöhnlichsten Schauspielerinnen des spanischen Kinos. Noch immer aktiv im Geschäft, begann ihr Werdegang bereits während der spanischen Transición. Der internationale Durchbruch gelang ihr als Dienstmädchen Conchita in Luis Buñuels "Dieses obskure Objekt der Begierde" (1977). Sie stand für viele spanischen Regiegrößen vor der Kamera. So sah man sie in Pedro Almodóvars „Live Flesh - Mit Haut und Haar“ (1997) und „Zerrissene Umarmungen“ (2009), in Manuel Gutiérrez Aragóns „Das Herz des Waldes“ (1978) oder auch in mehreren Filmen von Jaime Chávarri wie „Vierzig Jahre nach Granada“ (1977) und „Die Dinge der Liebe“ (1989).

In regelmäßigen Abständen werden nun drei unvergessliche Werke gezeigt, in denen die legendäre Schauspielerin die Hauptrolle spielt: „La sabina“ (E 1979, Regie: José Luis Borau; 12.02.- 14.02.2021, 20 Uhr), „La mitad del cielo“ (Die Hälfte des Himmels – E 1986, Regie: Manuel Gutiérrez Aragón; 19.02. - 21.02.2021, 20 Uhr) und „Las cosas del querer“ (Die Dinge der Liebe – E 1989, Regie: Jaime Chávarri; 26.02. - 28.02.2021, 20 Uhr). Mehr Infos findet ihr auf der Homepage des Instituto Cervantes Bremen. Die Filme - mit Untertiteln in mehreren Sprachen, auch Englisch - sind jeweils in den kommenden Februarwochenenden an den angegebenen Terminen ab 20 Uhr für 48 Stunden auf dem Vimeo-Kanal des Instituto Cervantes kostenlos verfügbar. Also schaut ins Programm und genießt ein Stück große Filmgeschichte der spanischen Kinokultur! Die nächste Filmreihe dann hoffentlich wieder bei uns im CITY 46!  (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 4.2.

Urmila – Für die Freiheit

D 2016, Regie/Drehbuch/Kamera: Susan Gluth, 88 Min., nepali/engl. OmU, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, empf. ab 12 J.

Horizonte erweitern, Grenzen überwinden, Fremde/s vertraut machen, ohne Reisen, nur durch Hinsehen – gute Filme können das. „Urmila“ ist einer der wunderbaren Dokumentarfilme, der für mich eine Tür in eine bisher unbekannte Welt aufgestoßen hat: moderne Sklavenhaltung, in diesem Fall in Nepal. Offiziell lange verboten, inoffiziell weiterhin praktiziert. Ebenso faszinierend ist, wie eng die deutsche Regisseurin Susan Gluth die zu Drehbeginn 18-jährige Urmila über viele Jahre begleiten darf.

Urmila ist erst sechs Jahre alt, als sie von ihrer armen Familie als Haushaltssklavin nach Nepals Hauptstadt Kathmandu verkauft wird. Klägliche 50 € im Jahr bekommt ihre Familie dafür! 12 Jahre dauert das Martyrium als „Kalamari“, dann kann sie sich befreien. Mit der eigenen Freiheit gibt sich Urmila nicht zufrieden, aus dem Erlebten zieht sie die Kraft, sich für andere Mädchen in ihrem Land einzusetzen. Voller Zuversicht kämpft sie für die Organisation „Freed Kamalari Development Forum“ (FKDF), die seitdem 13.000 Mädchensklaven befreien konnte (Stand 2016). Doch Urmila will mehr, will als Anwältin auch international für Frauenrechte eintreten. Sie, die nie eine Schule besuchen durfte, versucht alles nachzuholen. Auch international macht Urmila auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam und hält mitreißende Reden, u.a. auf dem Oslo Freedom Forum. Das Lernen versucht die mittlerweile 25-Jährige mit ihrer Arbeit als Aktivistin zu vereinbaren, stößt dabei aber zunehmend an ihre Grenzen.

Das Porträt dieser so traumatisierten jungen Frau, die in aller Stille so viel Kraft für das Wohl anderer Frauen mobilisiert, in einer Gesellschaft, in der Frauen keinen Wert haben, hat mich sehr berührt. Susan Gluth hat dieser Kraft vertraut und fängt einzigartige, ehrliche Momente ein. Ganz ohne Kommentare oder Fragen entfaltet sich Urmilas Geschichte, und es ist Gluth zu verdanken, dass sie diese Geschichte gefunden und erzählt hat. Hier geht es zu einem Interview mit Susan Gluth: Filmloewin.de

Nachtrag 2018: Die Aktivistin Urmila Chaudhary wurde in den Niederlanden der „Laureate Freedom from Fear Award 2018“ überreicht. Der Preis wird alle zwei Jahre an Menschen und Organisationen vergeben, die sich im besonderen Maße für Freiheit und Menschenrechte einsetzen. (Plan international) (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 28.1.

The Cleaners

D 2018, Regie: Hans Block & Moritz Riesewieck, 89 Min., FSK 16

Als Donald Trumps Accounts kurz vor seinem Amtsende auf verschiedenen Plattformen gesperrt wurden, empfanden das viele Menschen mit später Genugtuung. Endlich konnte seine Propaganda keinen Nährboden mehr finden. Andere hingegen äußerten Bedenken, so auch Bundeskanzlerin Merkel: Die Betreiber sozialer Netzwerke trügen zwar Verantwortung dafür, dass die politische Kommunikation nicht mit Hass und Anstiftung zu Gewalt vergiftet werde. Die Meinungsfreiheit als Grundrecht von elementarer Bedeutung könne aber nur durch den Gesetzgeber, nicht nach der Maßgabe von Unternehmen eingeschränkt werden.

Hans Block und Moritz Riesewieck beginnen ihre Dokumentation auf den Philippinen, bei den Menschen, die die Plattformen vom „Schmutz“ befreien müssen. Sie zeigen die belastende Arbeit der „Content Moderators“, wie sie sich vor ihren Monitoren durch die Abgründe des Internets kämpfen. Sie sind THE CLEANERS, die zu Tausenden im Sekundentakt in ausgelagerten Dienstleistungsunternehmen in Manila über Verbleib oder Verschwinden von Inhalten bei Facebook, Twitter und Co. entscheiden müssen. Die Grausamkeit und die kontinuierliche Belastung dieser traumatisierenden Arbeit verändert ihre Wahrnehmung und Persönlichkeit. Psychische Störungen bis hin zum Selbstmord sind die Folgen.

Neben den Geschichten der Content Moderator*innen erzählen die beiden Regisseure von den globalen Auswirkungen der Onlinezensur, wie Fake News und Hass durch die Sozialen Netzwerke verbreitet und verstärkt werden. Aber auch wie Internetkonzerne um des Profits willen gemeinsame Sache mit autoritären Regimen machen und ihre Seiten in deren Sinne zensieren. Das Ideal einer Welt freier Kommunikation, wie es Marc Zuckerberg propagiert, verwandelt sich in ein Zerrbild menschlicher Abgründe, von deren Auswüchsen es in anonymen Büroetagen in Manila geheilt zu werden versucht. Das Bemerkenswerte dieses Films ist seine vielschichtige Betrachtungsweise und der Perspektivwechsel, um die Zuschauer*innen immer wieder aufzufordern, die eigenen vertrauten Positionen kritisch zu hinterfragen. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 28.1.

Ich bin William

DK 2017, Regie: Jonas Elmer, mit Alexander Magnússon, Rasmus Bjerg, Stinne Henriksen, 81 Min., empf. ab 8 J.

Schlimmer geht immer. Homeschooling kann doof sein, die Freunde nicht treffen können sowieso. Doch es gibt andere Kinder, die richtig große Probleme haben. So wie der zehnjährige William in Roskilde in Dänemark. Seine Mutter lebt in der geschlossen Psychiatrie und jetzt ist auch noch sein Vater gestorben. Zum Glück hat William Onkel Nils, bei dem er nun unterkommen kann.

Das klingt nach einem traurigen Film, ist es aber überhaupt nicht! Denn der gute Onkel mit einem Herz aus Gold steckt bis über beide Ohren in Spielschulden und Hehlerware, sodass für einen normalen Kinderalltag nicht viel Zeit bleibt. Dann gibt es eben kein Pausenbrot und jeden Tag nur Eier in allen Variationen. Für Onkel Nils besteht die ganze Welt eh´ nur aus Idioten – William ausgenommen. Und Williams Mutter, die kein Wort spricht und meist nur reglos da sitzt, hält Onkel Nils für bekloppt. William ist das egal, er liebt beide. Als William von ein paar fiesen Kerlen aus der Schule erpresst wird und sein Onkel wegen Wettschulden Probleme mit einem Gangster hat, beginnt seine Mutter, ihm Zettel mit merkwürdigen Botschaften zuzustecken. Ob die William helfen können?

William muss also in seinem Leben eine Menge Sachen regeln, für die eigentlich die Erwachsenen zuständig sein sollten. Wie er das macht, ist sehr witzig, phantasievoll und mit echten Überraschungen erzählt. Vieles wird aus der Ich-Perspektive von William gezeigt und so kriegen wir mit, was in dem sanften aufgeweckten Jungen vorgeht. Und das ist eine Menge! Wie William es ohne große Action schafft, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden, ist ein großer Spaß. Der Film lief schon auf einigen Filmfestivals, hat Preise gekriegt, und eine begeisterte Kinderjury hat dies gesagt: „In diesen coolen Film sind wir ganz schnell hineingekippt und wir konnten uns auch sehr gut in William hineinversetzen! Wir sind restlos begeistert! Wir sind William!“ Na, dann schaut mal, ob ihr das auch seid! (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 28.1.

Das Geheimnis Georges Méliès

F 2020, Regie: Eric Lange, 59 Min.

Georges Méliès (1861–1938), französischer Wegbereiter der Filmkunst, Regisseur, Illusionist, Zauberkünstler und Theaterbesitzer, ist einer der großen Pioniere des frühen Films. Er drehte Hunderte von Kurzfilmen und gilt als Erfinder der Special Effects, der Stop-Motion Technik sowie des narrativen Kinos. Anfang des 20. Jahrhunderts betrieb Méliès in Paris das erste Filmstudio der Welt, das er sich in seinem Garten in Montreuil gebaut hatte. Dort drehte er zwischen 1896 und 1902 mehr als 500 Filme, die durch aufwendige Szenografien und innovative Spezialeffekte die Zuschauer begeisterten. Als legendär gilt sein Kurzfilm „Die Reise zum Mond“ bei dem sich Georges Méliès 1902 von Jules Verne inspirieren ließ und der eines der ikonischen Bilder der Filmgeschichte hervorbrachte (siehe Filmstill).

Méliès einzigartiges Werk galt jedoch als weitestgehend zerstört, da er 1923 nach dem Konkurs seiner Firma alle Negative verbrannt hatte. Im Jahr 2006 kommt es dann zu einem spektakulären Fund: In der Library of Congress tauchen fast 80 Negativfilme des Filmpioniers auf, die uns das Werk von Méliès neu entdecken lassen. „Das Geheimnis Georges Méliès“ ist die erste große Dokumentation über das Leben und Werk des Filmpioniers. Aktuell zeigt Arte.tv in seiner Mediathek den Dokumentarfilm und eine Reihe seiner fantastischen Kurzfilme – 13 an der Zahl.

Im Januar 2021 sollte eigentlich auch das Pariser „Musée de la Cinémathèque“ nach einem Make-Over unter dem neuen Namen „Musée Méliès“ wieder seine Türen öffnen – nun müssen wir alle noch ein bisschen warten. Stummfilme mit Livemusik sind bei uns im CITY 46 ein fester Bestandteil des Programms – einer, der uns am Herzen liegt. Schön, dass sich mit dieser Doku nun die Möglichkeit aufgetan hat, Stummfilmfans zu erfreuen und ein Einblick in ein Stück Filmgeschichte zu geben. (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 24.12.

Searching for Sugar Man

S/GB 2012, Regie: Malik Bendjelloul, 86 Min., OmU

Rodriguez, Sixto Rodriguez… Noch nie gehört? Na, dann wird es aber Zeit! Es gibt sie diese Musiker, Künstler, Persönlichkeiten und verrückten Geschichten, die uns nicht mehr loslassen. Und eine grandiose Doku wie “Searching For Sugar Man“ schreit geradezu nach einem Filmtipp.

Es war einer der gemütlichen Wein- und Vinyl-Abende, die man mit lieben Menschen verbringt, als sie vom Sofa aufstand und zunächst “I Wonder“, dann “Sugar Man“ auflegte… Schon nach den ersten Klängen wollte ich wissen, wer das ist… „Love at first listen!“, dachte ich mir. Die Antwort: Rodriguez! Sixto Rodriguez – genialer Musiker und faszinierender Typ, dessen wundervoll-poetische und klare Texte mich bis heute begeistern. “Searching For Sugar Man“ ist die Geschichte eines Stars, der seiner Zeit voraus war. Während er in seiner Heimat Amerika unbekannt blieb und nach zwei grandiosen aber erfolglosen Alben spurlos verschwand, wurde er in Südafrika in den 1970er Jahren – ohne es selbst zu wissen – zum Superstar. Sein Album „Cold Fact“ wurde zum Soundtrack der Antiapartheidbewegung und gab einer ganzen Generation Hoffnung und eine Stimme. So gibt die Doku neben all der tollen Musik einen wichtigen Einblick in die Kulturgeschichte Südafrikas.

Bestens geeignet für einen gemütlichen Abend auf der Couch mit einem guten Getränk. Eine Doku wie ein Thriller: Fesselnd, mitreißend, inspirierend, magisch. Ein Juwel der Musikdokumentation, 2012 völlig zu Recht mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Unbedingt anschauen! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 24.12.

Pan Tau

D 2020, Regie: Franziska Meyer Price, 14 Folgen à 25 Min., empf. ab 7 J.

Vielleicht habt ihr von euren Großeltern schon von dem freundlichen Mann mit dem magischen Hut gehört, der niemals spricht: Pan Tau. Er war der Kinder-Fernsehliebling der 1970er Jahre. Nun ist der verschmitzt lächelnde Mann im Anzug und mit Melone zurück und im Jahr 2020 gelandet! Und wie schon vor 50 Jahren hilft er auch hier Kindern, in der verwirrenden Schul- und Erwachsenenwelt klar zu kommen. Wenn es sein muss, auch mit etwas Magie. Immer, wenn ein Kind in der Westpark-Schule Hilfe benötigt, sind Pan Tau und seine Zauberkräfte zur Stelle.

Gleich in den ersten zwei Folgen geht es ins Mittelalter. Denn Karlotta kann nicht verstehen, warum alle so verrückt nach den Fantasy-Romanen von „Swordstone“ sind. Lesen würde Karlotta die nie, obwohl ihre Eltern einen Buchladen haben und ihr Bruder Justus ein glühender Fan der Abenteuer ist. Warum auch. Die Prinzessin in Swordstone ist eingesperrt, und die Helden und Ritter sind ja immer Männer. Also erfüllt Pan Tau ihren Wunsch, die Geschichte umzuschreiben mit einer mutigen Prinzessin, die fechten und reiten kann. Das geht aber dann doch nicht so einfach, wie Karlotta es sich vorgestellt hat. Mit Pan Taus Hilfe findet sie ihren Weg durch die seltsamen Sitten und Gebräuche des Mittelalters und kann sogar noch ihren Eltern helfen, deren Buchladen in Gefahr ist.

Was für ein beruhigender Gedanke, dass da jemand wie Pan Tau ist, der dir im richtigen Moment zur Seite steht, wenn es eng wird, du unglücklich bist oder nicht weißt, wie du aus einer Sache raus kommst. Pan Tau hilft dir nur, denn das Meiste schaffst du dann doch ganz alleine. Wer weiß, vielleicht ist in den 14 Folgen genau deine Geschichte auch dabei? (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 17.12.

Das neue Evangelium

D/CH/I 2020, Regie: Milo Rau, 107 Min., OmU

Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Milo Rau in Theaterstücken, Filmen und Büchern mit den Widersprüchen der Weltwirtschaft und der Rolle Europas darin. Seinen neuen Film hat der Schweizer Regisseur und Autor („Das Kongo Tribunal“, 2017) in der süditalienischen Kleinstadt Matera gedreht, die in 2019 eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte war. Der Ort hat bereits Filmgeschichte geschrieben, er bildete die Kulisse für Pier Paolo Pasolinis „Die Matthäus Passion“ und Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Was heute oftmals übersehen wird, in der Umgebung befinden sich aktuell zahllose Flüchtlingslager. Ein Heer von geschätzt 500.000 rechtlosen Arbeiter*innen ist einem kriminellen Ausbeutungssystem schutzlos ausgeliefert. Wer Probleme macht, bekommt keine Arbeit, erhält keinen (Hunger-)Lohn. Hier herrscht ein Kapitalismus im Ursprungsstadium: nur das individuelle Dasein zählt. Milo Rau: „So habe ich gerade in der Europäischen Kulturhauptstadt Matera gelernt, wie Sklaverei funktioniert: nicht durch Gewalt, sondern durch Isolation jedes Einzelnen. Die völlige soziale und physische Auslöschung vor Augen, kämpft der Mensch nur noch ums Überleben.“

Der Film bewegt sich geschickt zwischen Dokumentation, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Gemeinsam mit dem Flüchtlingsaktivisten Yvan Sagnet inszeniert der Regisseur eine moderne Geschichte eines Schwarzen Jesus mit radikal aktuellen Bezügen. In den Flüchtlingslagern rund um Matera, in der Stadt Matera und bei den Kleinbäuer*innen der Region, findet er Laiendarsteller*innen, die gemeinsam auf die Missstände aufmerksam machen.

Ohne den Lockdown hättet ihr DAS NEUE EVANGELIUM sicherlich im CITY 46 sehen können. Für heute war der Bundesstart in den Kinos geplant. Nun entschied sich der Verleih notgedrungen für die Herausbringung auf einer Videoplattform. Aber ihr könnt das Kino auswählen, „in dem ihr den Film sehen möchtet“ bzw. ihr bestimmt, welches Kino an eurem Ticketkauf beteiligt wird. Rund 75 Kinos starten heute den Film. So ist es fast ein bisschen wie im normalen Spielbetrieb, und das CITY 46 erhält trotz Schließung etwas an Einnahmen.  (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp vom 10.12.

Wolken ziehen vorüber

FIN 1996, Regie: Aki Kaurismäki, 96 Min., FSK 12

In den 90er Jahren gehörten die Premieren der Aki Kaurismäki Filme zum festen Programm meines Berlinale-Besuchs. Sobald das handliche Programmheft im Tip Magazin erschienen war, durchsuchte ich das Internationalen Forum des jungen Films nach dem Namen des finnischen Regisseurs. Wohl ein halbes Dutzend Filme habe ich in der Zeit von ihm hier gesehen. Selbstverständlich kam als Aufführungsort nur das Delphi Kino in der Kantstraße in Frage. Unvergessen: Das Schlangestehen, die Entscheidung linker oder rechter Treppenaufgang und das Hochstürmen in den Saal, um einen möglichst guten Sitzplatz zu bekommen. Nach dem Film wurden ein Tisch und Stühle auf die Bühne getragen und Ulrich Gregor, der all die Jahre einen (denselben?) zeitlosen grauen Anzug trug, befragte charmant und klug den Regisseur. Nur einmal, 1999, nach der Aufführung des Stummfilms „Juha“ bekamen lediglich die Musiker*innen Applaus, Aki Kaurismäki ausdrücklich nicht. Wütend beschimpfte er das Publikum und verließ aufgebracht den Saal. Seine späteren Filme müssen an anderen Orten ihre Premieren gehabt haben, auf der Berlinale habe ich danach nie wieder einen Aki Kaurismäki Film gesehen.

„Wolken ziehen vorüber“ ist ein berührender Film voller finnischer Lakonie und feiner Tristesse. Ein typischer Kaurismäki Film, der zwei Menschen beim unverschuldeten Scheitern begleitet. Beide sind Verlierer*innen im kapitalistischen Verwertungsprozess, deren Arbeitskraft plötzlich nicht mehr benötigt wird. Wenn das Schicksal es kurzfristig gut mit ihnen meint, zerstört es doch Momente später den zarten Hoffnungsschimmer und lässt uns Zuschauer*innen nur noch intensiver mit ihnen leiden. Doch immer wieder bringen wohldosierte komische Momente unsere Gefühlswelt ins Wanken und lassen uns ganz nah bei den Protagonist*innen bleiben.

„Wolken ziehen vorüber“ ist der erste Teil von Aki Kaurismäkis Finnland-Trilogie, die er mit „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) und „Lichter der Vorstadt“ (2006) fortsetzte. Bei Interesse schaut euch in der arte Mediathek um. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 10.12.

Rübezahls Schatz

D/CZ 2017, Regie: Stefan Bühling, 88 Min., empf. ab 7 J.

Als ich dieses Jahr im März an einem grauen langweiligen Nachmittag während des ersten Lockdowns durchs Fernsehprogramm zappe, erinnert mich ein farbenfroher Film auf einmal an meine große Vorliebe für Märchen. Ohne den Filmtitel zu kennen, verweile ich kurz mit dem Wunsch zu erraten, welches Märchen denn gerade gezeigt wird, aber ich komme einfach nicht darauf. Zu viele Elemente verschiedener Geschichten vermischen sich und formen eine ganz neue Version der zahlreichen Sagen um den Naturgeist Rübezahl. Nun habe ich dieses fesselnde Märchen zufällig in der ZDF-Mediathek wiederentdeckt und möchte es euch gerade in der gemütlichen Weihnachtszeit nicht vorenthalten:

Der Berggeist Rübezahl wacht seit jeher über die Natur des Riesengebirges und hält das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt im Einklang. Als eine neue Baronin Teile seines Lands kauft und den Wald darauf roden will, ist der Geist erzürnt und versucht mit aller Macht sein Reich zu schützen. Dabei begegnet er der schönen Magd Rosa, die scheinbar vergeblich auf ihren verschwundenen Verlobten wartet. Während Rübezahl sich Rosa in Gestalt des wilden Jägers Montanus annähert, hat die Baronin es auf seine versteckte Schatzkammer in den Bergen abgesehen. Von der frisch entflammenden Liebe abgelenkt, vernachlässigt Rübezahl seine Aufgabe als Naturwächter und die gierige Baronin kommt seinem Schatz immer näher…

Über Rübezahl schrieb der Sagen-Sammler Johann Karl August Musäus 1783: "Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam." (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 3.12.

What You Gonna Do When the World’s on Fire?

USA/I/F 2018, Regie: Roberto Minervini, 123 Min., engl. OmU

Um das Kino als kulturellen Ort gestalten und erhalten zu können, ist eine Sache unerlässlich: Die Zusammenarbeit mit kleinen unabhängigen Verleihern. Auch sie leiden unter der Corona-Pandemie. Doch ohne sie geht es nicht, ohne sie hätten wir besondere, gewagtere Arthouse-Filme nicht, und ohne sie wäre alles halb so interessant. Der Grandfilm Verleih wagte im Juli mit “What You Gonna Do When the World‘s on Fire?“ den Weg auf die große Leinwand. Er lief bei uns im CITY 46. Es ist eine beeindruckende und herzzerreißende Doku. Leider kam der Film zu einer Zeit, in der die Vorsicht viele noch zögern ließ, Kino und Kulturstätten wieder aufzusuchen. Nun bekommt ihr eine zweite Chance, wenn auch leider nicht bei uns im Kino.

“What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ porträtiert den alltäglichen Überlebenskampf einer schwarzen Community in New Orleans mit samt ihren Erfahrungen, Ängsten und Wünschen und nimmt den Zorn und Widerstandsversuche bei den Opfern des Rassismus in den Blick. Die Doku gibt in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern einen intimen Einblick, wird zu einer Begegnung voller spannender Momentaufnahmen, schöner und erschreckender Aspekte in einem Land, das Gewalt zu einer Kunstform erhoben hat. Sie lässt uns in den Alltag einer Gruppe von Menschen eintauchen – allen voran in den von Barbesitzerin July –, die versuchen, in diesem System zu existieren und es zu verändern.

In einer Zeit, in der das Misstrauen groß ist und die Konflikte immer wieder zu eskalieren drohen, wirkt die Doku wie ein Weckruf, sich der harten Realität des Rassismus bewusst zu werden. Intensiv, krass, kulturell wichtig und von gesellschaftlicher Relevanz. Das gilt nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt. (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 19.11.

Schlaf

D 2020, Regie: Michael Venus, mit Sandra Hüller, 102 Min.

Im Hotel Sonnenhügel, tief in der deutschen Provinz, spielen sich schreckliche Dinge ab – zumindest in den Albträumen, von denen Marlene immer wieder geplagt wird. Nachdem sie herausfindet, wo das Hotel ist, fährt sie spontan dorthin. Doch schon kurz nach der Ankunft am Ort ihrer schlaflosen Nächte erleidet sie einen Zusammenbruch und muss eingewiesen werden. Ihre Tochter Mona findet sie in einem komaähnlichen Zustand in der örtlichen Klinik. Mit den Traumtagebüchern ihrer Mutter ausgerüstet, bezieht Mona selbst ein Zimmer im Hotel, um herauszufinden, was passiert ist. Doch je tiefer Mona in der Geschichte des Sonnenhügels gräbt, desto mehr stößt sie bei den Hotelbesitzern auf Widerstand. Und als sie auch noch von denselben Albträumen heimgesucht wird wie ihre Mutter, vermischen sich Traum und Realität (CITY 46).

Mit seinem Debutfilm greift Regisseur Michael Venus geschickt die emotionalen Motive und die Gewalt des Horrorfilmgenres auf, um sie mit den abgründigen Mythen deutscher Märchenromantik zu verbinden. Das Ergebnis ist ein „leise flirrender und überaus stylisher, gut aussehender Horrorfilm." (Filmdienst).

Ich weiß, dass dieses Genre sicher nicht den Filmgeschmack eines breiten Publikums trifft, wünsche aber allen mutigen und neugierigen Zuschauer*innen einen spannungsvollen Filmabend. (Holger Tepe / CITY 46)

Filmtipp für Kids vom 12.11.

Das fliegende Klassenzimmer

D 1954, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Erich Kästner, 90 Min., empf. ab 8 Jahren

Auf der Suche nach einem Kinderfilmklassiker für unser Vorweihnachtsprogramm fragte ich vor einigen Wochen unsere Praktikantin Insa, welchen Film sie selbst als Kind gerne gesehen hat. Sie warf „Das fliegende Klassenzimmer“ in den Raum, und ich war sofort dafür, zählt er doch zu jenen Filmen, die auch meine Kindheit nachhaltig geprägt haben. Als sie allerdings präzisierte, dass sie die Neuverfilmung von 2003 meinte, fühlte ich mich schlagartig alt. Denn meine lebhaften Erinnerungen gehen zurück auf die Verfilmung von 1973. Aber wäre mein Vorgänger Alfred zugegen gewesen, hätte er sich definitiv für die Erstverfilmung von 1954 ausgesprochen, zumal hier kein geringerer als Erich Kästner selbst das Drehbuch verfasst hat und sich auch nicht zu schade war, die Rolle des Erzählers im Film gleich mit zu übernehmen.

Und das ist das Wunderbare an Erich Kästner, der die Romanvorlage bereits 1933 schrieb und dessen Ideale von Freundschaft, Solidarität und Zivilcourage noch genauso zeitgemäß sind wie damals, ob wir nun 20, 50 oder mehr Jahre zurückgehen. Jede*r von uns findet sich wieder in diesem fliegenden Klassenzimmer und seiner Schülerschar – vom starken Mats, über den ängstlichen Uli, den Poeten Johnny, den Musik versessenen Ferdinand bis hin zum Künstler Martin. Und wie gerne hätte ich am tollen Unterricht von Hauslehrer Justus teilgenommen, wäre Teil dieser verschworenen Gemeinschaft gewesen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Figur des Nichtrauchers (ironischerweise dauernd Pfeife rauchend in der Version von 1973), der zufrieden in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon haust und das ewige Streben nach Geld, Macht und Ruhm für reichlich unerwachsen hält. Und wer weiß, vielleicht wird es ja noch mal was mit einem Leben als Gärtner, Bücher lesend in meinem eigenen Eisenbahnwaggon?

Das Rennen um den Weihnachtsklassiker bei uns im Kinderkino haben in diesem Jahr übrigens doch Astrid Lindgrens „Kinder von Bullerbü“ gewonnen. Umso schöner, dass uns arte nun mit Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“ beglückt. (Matthias Wallraven / CITY 46)