Corona-Kino – Kurzfilm der Woche

Pawo
D 2015, Regie: Antje Heyn, 8 Min., ab 4 J.

Mit Filmen durch die Krise – Filmtipp der Woche

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!

Filmtipp vom 21.1.

Endzeit

D 2018, Regie: Carolina Hellsgård, 83 Min.

Ein deutscher Zombiefilm – ob das funktionieren kann? Die Frage stelle ich mir, als ich als alteingesessener Genre-Fan den Film "Endzeit" beim Stöbern in der arte Mediathek entdecke. Die Antwort ist: Ja, auf jeden Fall! Ohne dabei in bereits tausendfach ausgeschlachtete Klischees zu verfallen, zeigt die Regisseurin Carolina Hellsgård die Geschichte zwei sehr unterschiedlicher junger Frauen, die gemeinsam das postapokalyptische Thüringen durchstreifen. Die Basis für das durchgehend feministisch umgesetzte Road Movie liefert die 2012 erschienene gleichnamige Graphic Novel von Comic-Künstlerin Olivia Vieweg.

Zwei Jahre nach dem Ausbruch einer Seuche haben nur in den Städten Weimar und Jena Menschen überlebt. Sie verschanzen sich hinter Mauern und ihr Alltag ist streng reguliert. Während in Weimar alle Infizierten ausnahmslos beseitigt werden, sucht man in Jena nach einer Heilung. Auf der Flucht in einem unbemannten Versorgungszug treffen sich Vivi und Eva – zwei Frauen in ihren 20ern, die sehr verschieden mit der neuen Lebensrealität umgehen. Während Vivi verängstigt und traumatisiert von der Zombieapokalypse ist, wirkt Eva taffer und betrachtet ihre Lage pragmatisch. Als der Zug plötzlich stehenbleibt, sind sie gezwungen sich zu Fuß nach Jena durchzuschlagen. Die Natur hat die Landschaft bereits zurückerobert. Giraffen schreiten durch die paradiesische Idylle, in der jedoch allgegenwärtig die Gefahr eines Angriffs durch Untote lauert. Erst als ihnen die feenhafte "Gärtnerin" begegnet – halb Mensch, halb Pflanze – beginnen die beiden Frauen zu begreifen, dass in dem vermeintlichen Ende vor allem die Möglichkeit zur Erneuerung steckt.

"Eine Seuche hat die Erde heimgesucht" heißt es zu Beginn des Films – ein Satz der heutzutage für uns als Zuschauer*innen umso nachvollziehbarer ist und sich auf einmal merkwürdig real anfühlt. Doch die Botschaft, die immer deutlicher wird ist hier, dass die Veränderungen nicht das Ende sind, sondern ein neuer Anfang. (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 21.1.

Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne

DK 2017, Regie: Amalie Næsby Fick, Jørgen Lerdam & Philip Einstein Lipski, 76 Min., empf. ab 6 J.

Kennt ihr schon „Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne“? Vielleicht habt ihr ja das tolle Kinderbuch bei euch im Bücherregal oder wart beim diesjährigen Kinderfilmfest KIJUKO zu Gast bei uns im CITY 46, wo ihr die Verfilmung auf der großen Kinoleinwand erleben konntet. Dabei hatte der dänische Animationsfilm seinerzeit keinen Filmverleih gefunden, obwohl er sogar 2017 die Generation – die Kinderfilmsektion der Berlinale – eröffnen durfte. Wahrscheinlich waren die Verleiher einfach nicht mutig genug, um dieses abgedrehte, fantasievolle Abenteuer von Sebastian, Mitcho und der Riesenbirne in die Kinos zu bringen.

Elefant Sebastian und Katze Mitcho leben in Sonnenstadt, einem idyllischen Ort am Meer. Als der beliebte Bürgermeister J.B. eines Tages spurlos verschwindet, übernimmt sein Stellvertreter Knorzig das Amt und lässt sogleich ein neues Hochhaus bauen, das alles in Sonnenstadt sprichwörtlich in den Schatten stellt. Die Tage des schönen Städtchens scheinen gezählt. Doch Sebastian und Mitcho fischen eine Flaschenpost aus dem Meer, in der sie neben dem Hilferuf des Bürgermeisters auch einen geheimnisvollen Samen finden. Aus diesem erwächst über Nacht eine riesengroße Birne. Zusammen mit dem verrückten Professor Glykose machen sich die beiden Freunde im Bauch der ausgehöhlten Riesenbirne auf den Weg über das Meer, um J.B. zu retten. Dabei nehmen sie es sogar mit Piraten und einem Seeungeheuer auf.

Dem dänischen Animationsfilmabenteuer gelingt es spielend, die überbordende Fantasie und den Witz der Kinderbuchvorlage von Jakob Martin Strid einzufangen. Schön, dass es nun auch seinen Weg auf den Fernsehbildschirm gefunden hat. (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp vom 14.1.

Tschick

D 2016, Regie: Fatih Akin, 93 Min.

Ich weiß noch genau, wie ich damals zum Geburtstag von einer Freundin „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf geschenkt bekam – ein Roman, der in aller Munde war. Mittlerweile hat „Tschick“ absoluten Kultstatus erreicht und sich mehr als drei Millionen Mal verkauft. Und das vollkommen zu Recht! Als der Roman 2016 von Faith Akin verfilmt wurde, dachte ich mir: coole Kombi, hoffentlich wird er dem Buch gerecht… denn das ist ja oft so eine Sache.

Worum geht es in Tschick? Kurz: Um die Freundschaft und einen Roadtrip zweier Jungs – Maik und Tschick. Maik, 14 Jahre, Sohn wohlhabender, aber nicht sehr inniger Eltern, und „Tschick“, dem 15-jährigen Russlanddeutschen, dem Verbindungen zur russischen Mafia nachgesagt werden. Los geht’s in einem „geliehenen“ Lada auf eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass quer durch die ostdeutsche Provinz. Kein „Western“, sondern ein „Eastern“. Das klassische Roadmovie erzählt von der großen Freiheit eines Abenteuersommers und ist eine Feier des unangepassten Außenseitertums. Und was gehört zu jedem Roadtrip? Natürlich der passende Soundtrack. Indie-Rock und HipHop verstärken das Gefühl von jugendlichem Aufbegehren und Rebellion. So findet sich hier auch eine deutsche Coverversion des Stereolab-Songs „French Disko“ – extra eingespielt von den Beatsteaks aus Berlin und Tocotronics‘ Dirk von Lowtzow!

Fatih Akin hat mit seiner Verfilmung den Romanklassiker zu einem Filmklassiker gemacht. Schön, dass er der Buchvorlage treu geblieben ist. (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 14.1.

Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen...

D 2017, Regie: Christian Theede, 97 Min., empf. ab 8 J.

Aus unserem KIJUKO-Repertoire kommen die Pfefferkörner von der Kinoleinwand zu euch nach Hause! Mit einem nostalgischen und einem neugierigen Auge habe ich den ersten Fall der Kinder-Detektive in Spielfilmlänge verfolgt, die mir aus meiner eigenen Jugend noch allzu vertraut sind. Natürlich sind meine Helden von damals heute erwachsen und eine frische Generation von Jungermittlern hüpft in Verfolgungsjagden – die selbst einen James Bond neidisch machen – über den Bildschirm, um sich mit frischer Energie dem Verbrechen in den Weg zu stellen.

Mia, Benny und Johannes freuen sich auf die Klassenfahrt nach Südtirol, wo sie den Bauernhof von Mias gutem Freund Luca besuchen wollen. Kurz nach ihrer Ankunft stellen sie jedoch fest, dass seltsame Dinge dort vor sich gehen: Eine Scheune brennt ab, das Quellwasser färbt sich plötzlich schwarz und im Bergwerk droht ein uralter Geist mit finsteren Flüchen. Als Lucas Familie deshalb den Hof verlieren soll, ist klar, dass hier ein Fall für die Pfefferkörner vorliegt. Dabei stoßen die Detektive auf krumme Geschäfte eines internationalen Lebensmittelkonzerns mit Sitz in Hamburg, der vor nichts zurückzuschrecken scheint. So entwickelt sich eine brisante und actionreiche Verfolgungsjagd durch die Südtiroler Berge, ein Flug mit einem Privatjet, bis zum Einbruch in einen hochgesicherten Hamburger Bürokomplex – natürlich mit Hilfe modernster Computertechnik und Mias kleiner Schwester Alice, die die Einsatzzentrale der Pfefferkörner leitet!

Für junge und alte Detektiv- und Agenten-Fans ein absolutes Muss! (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 24.12.

Searching for Sugar Man

S/GB 2012, Regie: Malik Bendjelloul, 86 Min., OmU

Rodriguez, Sixto Rodriguez… Noch nie gehört? Na, dann wird es aber Zeit! Es gibt sie diese Musiker, Künstler, Persönlichkeiten und verrückten Geschichten, die uns nicht mehr loslassen. Und eine grandiose Doku wie “Searching For Sugar Man“ schreit geradezu nach einem Filmtipp.

Es war einer der gemütlichen Wein- und Vinyl-Abende, die man mit lieben Menschen verbringt, als sie vom Sofa aufstand und zunächst “I Wonder“, dann “Sugar Man“ auflegte… Schon nach den ersten Klängen wollte ich wissen, wer das ist… „Love at first listen!“, dachte ich mir. Die Antwort: Rodriguez! Sixto Rodriguez – genialer Musiker und faszinierender Typ, dessen wundervoll-poetische und klare Texte mich bis heute begeistern. “Searching For Sugar Man“ ist die Geschichte eines Stars, der seiner Zeit voraus war. Während er in seiner Heimat Amerika unbekannt blieb und nach zwei grandiosen aber erfolglosen Alben spurlos verschwand, wurde er in Südafrika in den 1970er Jahren – ohne es selbst zu wissen – zum Superstar. Sein Album „Cold Fact“ wurde zum Soundtrack der Antiapartheidbewegung und gab einer ganzen Generation Hoffnung und eine Stimme. So gibt die Doku neben all der tollen Musik einen wichtigen Einblick in die Kulturgeschichte Südafrikas.

Bestens geeignet für einen gemütlichen Abend auf der Couch mit einem guten Getränk. Eine Doku wie ein Thriller: Fesselnd, mitreißend, inspirierend, magisch. Ein Juwel der Musikdokumentation, 2012 völlig zu Recht mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Unbedingt anschauen! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 24.12.

Pan Tau

D 2020, Regie: Franziska Meyer Price, 14 Folgen à 25 Min., empf. ab 7 J.

Vielleicht habt ihr von euren Großeltern schon von dem freundlichen Mann mit dem magischen Hut gehört, der niemals spricht: Pan Tau. Er war der Kinder-Fernsehliebling der 1970er Jahre. Nun ist der verschmitzt lächelnde Mann im Anzug und mit Melone zurück und im Jahr 2020 gelandet! Und wie schon vor 50 Jahren hilft er auch hier Kindern, in der verwirrenden Schul- und Erwachsenenwelt klar zu kommen. Wenn es sein muss, auch mit etwas Magie. Immer, wenn ein Kind in der Westpark-Schule Hilfe benötigt, sind Pan Tau und seine Zauberkräfte zur Stelle.

Gleich in den ersten zwei Folgen geht es ins Mittelalter. Denn Karlotta kann nicht verstehen, warum alle so verrückt nach den Fantasy-Romanen von „Swordstone“ sind. Lesen würde Karlotta die nie, obwohl ihre Eltern einen Buchladen haben und ihr Bruder Justus ein glühender Fan der Abenteuer ist. Warum auch. Die Prinzessin in Swordstone ist eingesperrt, und die Helden und Ritter sind ja immer Männer. Also erfüllt Pan Tau ihren Wunsch, die Geschichte umzuschreiben mit einer mutigen Prinzessin, die fechten und reiten kann. Das geht aber dann doch nicht so einfach, wie Karlotta es sich vorgestellt hat. Mit Pan Taus Hilfe findet sie ihren Weg durch die seltsamen Sitten und Gebräuche des Mittelalters und kann sogar noch ihren Eltern helfen, deren Buchladen in Gefahr ist.

Was für ein beruhigender Gedanke, dass da jemand wie Pan Tau ist, der dir im richtigen Moment zur Seite steht, wenn es eng wird, du unglücklich bist oder nicht weißt, wie du aus einer Sache raus kommst. Pan Tau hilft dir nur, denn das Meiste schaffst du dann doch ganz alleine. Wer weiß, vielleicht ist in den 14 Folgen genau deine Geschichte auch dabei? (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 17.12.

Das neue Evangelium

D/CH/I 2020, Regie: Milo Rau, 107 Min., OmU

Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Milo Rau in Theaterstücken, Filmen und Büchern mit den Widersprüchen der Weltwirtschaft und der Rolle Europas darin. Seinen neuen Film hat der Schweizer Regisseur und Autor („Das Kongo Tribunal“, 2017) in der süditalienischen Kleinstadt Matera gedreht, die in 2019 eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte war. Der Ort hat bereits Filmgeschichte geschrieben, er bildete die Kulisse für Pier Paolo Pasolinis „Die Matthäus Passion“ und Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Was heute oftmals übersehen wird, in der Umgebung befinden sich aktuell zahllose Flüchtlingslager. Ein Heer von geschätzt 500.000 rechtlosen Arbeiter*innen ist einem kriminellen Ausbeutungssystem schutzlos ausgeliefert. Wer Probleme macht, bekommt keine Arbeit, erhält keinen (Hunger-)Lohn. Hier herrscht ein Kapitalismus im Ursprungsstadium: nur das individuelle Dasein zählt. Milo Rau: „So habe ich gerade in der Europäischen Kulturhauptstadt Matera gelernt, wie Sklaverei funktioniert: nicht durch Gewalt, sondern durch Isolation jedes Einzelnen. Die völlige soziale und physische Auslöschung vor Augen, kämpft der Mensch nur noch ums Überleben.“

Der Film bewegt sich geschickt zwischen Dokumentation, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Gemeinsam mit dem Flüchtlingsaktivisten Yvan Sagnet inszeniert der Regisseur eine moderne Geschichte eines Schwarzen Jesus mit radikal aktuellen Bezügen. In den Flüchtlingslagern rund um Matera, in der Stadt Matera und bei den Kleinbäuer*innen der Region, findet er Laiendarsteller*innen, die gemeinsam auf die Missstände aufmerksam machen.

Ohne den Lockdown hättet ihr DAS NEUE EVANGELIUM sicherlich im CITY 46 sehen können. Für heute war der Bundesstart in den Kinos geplant. Nun entschied sich der Verleih notgedrungen für die Herausbringung auf einer Videoplattform. Aber ihr könnt das Kino auswählen, „in dem ihr den Film sehen möchtet“ bzw. ihr bestimmt, welches Kino an eurem Ticketkauf beteiligt wird. Rund 75 Kinos starten heute den Film. So ist es fast ein bisschen wie im normalen Spielbetrieb, und das CITY 46 erhält trotz Schließung etwas an Einnahmen.  (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp vom 10.12.

Wolken ziehen vorüber

FIN 1996, Regie: Aki Kaurismäki, 96 Min., FSK 12

In den 90er Jahren gehörten die Premieren der Aki Kaurismäki Filme zum festen Programm meines Berlinale-Besuchs. Sobald das handliche Programmheft im Tip Magazin erschienen war, durchsuchte ich das Internationalen Forum des jungen Films nach dem Namen des finnischen Regisseurs. Wohl ein halbes Dutzend Filme habe ich in der Zeit von ihm hier gesehen. Selbstverständlich kam als Aufführungsort nur das Delphi Kino in der Kantstraße in Frage. Unvergessen: Das Schlangestehen, die Entscheidung linker oder rechter Treppenaufgang und das Hochstürmen in den Saal, um einen möglichst guten Sitzplatz zu bekommen. Nach dem Film wurden ein Tisch und Stühle auf die Bühne getragen und Ulrich Gregor, der all die Jahre einen (denselben?) zeitlosen grauen Anzug trug, befragte charmant und klug den Regisseur. Nur einmal, 1999, nach der Aufführung des Stummfilms „Juha“ bekamen lediglich die Musiker*innen Applaus, Aki Kaurismäki ausdrücklich nicht. Wütend beschimpfte er das Publikum und verließ aufgebracht den Saal. Seine späteren Filme müssen an anderen Orten ihre Premieren gehabt haben, auf der Berlinale habe ich danach nie wieder einen Aki Kaurismäki Film gesehen.

„Wolken ziehen vorüber“ ist ein berührender Film voller finnischer Lakonie und feiner Tristesse. Ein typischer Kaurismäki Film, der zwei Menschen beim unverschuldeten Scheitern begleitet. Beide sind Verlierer*innen im kapitalistischen Verwertungsprozess, deren Arbeitskraft plötzlich nicht mehr benötigt wird. Wenn das Schicksal es kurzfristig gut mit ihnen meint, zerstört es doch Momente später den zarten Hoffnungsschimmer und lässt uns Zuschauer*innen nur noch intensiver mit ihnen leiden. Doch immer wieder bringen wohldosierte komische Momente unsere Gefühlswelt ins Wanken und lassen uns ganz nah bei den Protagonist*innen bleiben.

„Wolken ziehen vorüber“ ist der erste Teil von Aki Kaurismäkis Finnland-Trilogie, die er mit „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) und „Lichter der Vorstadt“ (2006) fortsetzte. Bei Interesse schaut euch in der arte Mediathek um. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 10.12.

Rübezahls Schatz

D/CZ 2017, Regie: Stefan Bühling, 88 Min., empf. ab 7 J.

Als ich dieses Jahr im März an einem grauen langweiligen Nachmittag während des ersten Lockdowns durchs Fernsehprogramm zappe, erinnert mich ein farbenfroher Film auf einmal an meine große Vorliebe für Märchen. Ohne den Filmtitel zu kennen, verweile ich kurz mit dem Wunsch zu erraten, welches Märchen denn gerade gezeigt wird, aber ich komme einfach nicht darauf. Zu viele Elemente verschiedener Geschichten vermischen sich und formen eine ganz neue Version der zahlreichen Sagen um den Naturgeist Rübezahl. Nun habe ich dieses fesselnde Märchen zufällig in der ZDF-Mediathek wiederentdeckt und möchte es euch gerade in der gemütlichen Weihnachtszeit nicht vorenthalten:

Der Berggeist Rübezahl wacht seit jeher über die Natur des Riesengebirges und hält das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt im Einklang. Als eine neue Baronin Teile seines Lands kauft und den Wald darauf roden will, ist der Geist erzürnt und versucht mit aller Macht sein Reich zu schützen. Dabei begegnet er der schönen Magd Rosa, die scheinbar vergeblich auf ihren verschwundenen Verlobten wartet. Während Rübezahl sich Rosa in Gestalt des wilden Jägers Montanus annähert, hat die Baronin es auf seine versteckte Schatzkammer in den Bergen abgesehen. Von der frisch entflammenden Liebe abgelenkt, vernachlässigt Rübezahl seine Aufgabe als Naturwächter und die gierige Baronin kommt seinem Schatz immer näher…

Über Rübezahl schrieb der Sagen-Sammler Johann Karl August Musäus 1783: "Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam." (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 3.12.

What You Gonna Do When the World’s on Fire?

USA/I/F 2018, Regie: Roberto Minervini, 123 Min., engl. OmU

Um das Kino als kulturellen Ort gestalten und erhalten zu können, ist eine Sache unerlässlich: Die Zusammenarbeit mit kleinen unabhängigen Verleihern. Auch sie leiden unter der Corona-Pandemie. Doch ohne sie geht es nicht, ohne sie hätten wir besondere, gewagtere Arthouse-Filme nicht, und ohne sie wäre alles halb so interessant. Der Grandfilm Verleih wagte im Juli mit “What You Gonna Do When the World‘s on Fire?“ den Weg auf die große Leinwand. Er lief bei uns im CITY 46. Es ist eine beeindruckende und herzzerreißende Doku. Leider kam der Film zu einer Zeit, in der die Vorsicht viele noch zögern ließ, Kino und Kulturstätten wieder aufzusuchen. Nun bekommt ihr eine zweite Chance, wenn auch leider nicht bei uns im Kino.

“What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ porträtiert den alltäglichen Überlebenskampf einer schwarzen Community in New Orleans mit samt ihren Erfahrungen, Ängsten und Wünschen und nimmt den Zorn und Widerstandsversuche bei den Opfern des Rassismus in den Blick. Die Doku gibt in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern einen intimen Einblick, wird zu einer Begegnung voller spannender Momentaufnahmen, schöner und erschreckender Aspekte in einem Land, das Gewalt zu einer Kunstform erhoben hat. Sie lässt uns in den Alltag einer Gruppe von Menschen eintauchen – allen voran in den von Barbesitzerin July –, die versuchen, in diesem System zu existieren und es zu verändern.

In einer Zeit, in der das Misstrauen groß ist und die Konflikte immer wieder zu eskalieren drohen, wirkt die Doku wie ein Weckruf, sich der harten Realität des Rassismus bewusst zu werden. Intensiv, krass, kulturell wichtig und von gesellschaftlicher Relevanz. Das gilt nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt. (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 19.11.

Schlaf

D 2020, Regie: Michael Venus, mit Sandra Hüller, 102 Min.

Im Hotel Sonnenhügel, tief in der deutschen Provinz, spielen sich schreckliche Dinge ab – zumindest in den Albträumen, von denen Marlene immer wieder geplagt wird. Nachdem sie herausfindet, wo das Hotel ist, fährt sie spontan dorthin. Doch schon kurz nach der Ankunft am Ort ihrer schlaflosen Nächte erleidet sie einen Zusammenbruch und muss eingewiesen werden. Ihre Tochter Mona findet sie in einem komaähnlichen Zustand in der örtlichen Klinik. Mit den Traumtagebüchern ihrer Mutter ausgerüstet, bezieht Mona selbst ein Zimmer im Hotel, um herauszufinden, was passiert ist. Doch je tiefer Mona in der Geschichte des Sonnenhügels gräbt, desto mehr stößt sie bei den Hotelbesitzern auf Widerstand. Und als sie auch noch von denselben Albträumen heimgesucht wird wie ihre Mutter, vermischen sich Traum und Realität (CITY 46).

Mit seinem Debutfilm greift Regisseur Michael Venus geschickt die emotionalen Motive und die Gewalt des Horrorfilmgenres auf, um sie mit den abgründigen Mythen deutscher Märchenromantik zu verbinden. Das Ergebnis ist ein „leise flirrender und überaus stylisher, gut aussehender Horrorfilm." (Filmdienst).

Ich weiß, dass dieses Genre sicher nicht den Filmgeschmack eines breiten Publikums trifft, wünsche aber allen mutigen und neugierigen Zuschauer*innen einen spannungsvollen Filmabend. (Holger Tepe / CITY 46)